Probleme mit einer Zahnbürste

„Warum es Probleme machen kann, wenn man eine Zahnbürste mit sich führt…“

Es war ein Tag Mitte April 2016 als es an unserer Haustür klingelte und zwei junge Männer aus dem Nachbarhaus davor standen.

Wir kennen sie aus dem Haus von nebenan und deshalb war für uns auf den ersten Blick zu erkennen, dass diesmal etwas Besonderes vorgefallen sein musste, denn die beiden sahen recht verzweifelt aus.

„We have a big problem!“ hörten wir und da der eine recht gut Englisch und auch schon gut verständliches Deutsch sprach, konnten man uns nach und nach erklären, worum es ging:

Der jüngere der beiden (25) hatte sich hier in einem Supermarkt eine neue Zahnbürste gekauft und sie sich dann in die Hosentasche gesteckt. Danach wollte er sich woanders noch einen neuen Akku für sein Mobiltelefon kaufen, erfuhr dort aber, dass für sein Modell aber keiner am Lager sei.

„Vielleicht versuchen Sie es mal in der Kreisstadt!“ war die Empfehlung.

Es war warm und trocken, die meisten unserer Asylbewerber haben ein Fahrrad und so entschloss er sich kurzfristig, in die größere Stadt zu radeln.

Dort angekommen verspürte der junge Mann Durst und wollte sich etwas zu trinken kaufen.

Und das war der Beginn seiner Pechsträhne.

Als er an der Kasse stand, um das Getränk zu bezahlen, entdeckte die Kassiererin, dass da etwas aus seiner Hosentasche hervorguckte:

Die noch in der Originalverpackung steckende Zahnbürste aus seinem Wohnort!

Der junge Mann wurde sofort verdächtigt, die Packung aus dem Markt entwenden zu wollen und in die hinteren Räume gebeten.

Dort konfrontierte man ihn mit dem Vorwurf, dass er etwas hätte stehlen wollen.

 

Nun spricht der junge Mann aber weder Englisch und schon gar nicht Deutsch. Dennoch versucht  er zu erklären, dass er die Zahnbürste in seinem Heimatort gekauft habe. Man versteht aber eher „Bei kik gekauft“ und eine Kollegin weiß, dass dort diese Bürsten nicht im Sortiment sind.

Der Verdacht erhärtet sich sozusagen. Einen Kaufbeleg hat er nicht mitgenommen und so wird auch noch die Polizei dazu gerufen!

Die nimmt seine Daten auf, fertigt ein Protokoll und dann kann er erst mal wieder nach Hause fahren.

Die Zahnbürste (deren Verpackung eigentlich gut erkennbar ramponiert durch die längere Radtour in der Hosentasche ist) wird ihm nicht zurückgegeben und verbleibt in der Filiale.

 

Wieder in seinem Heimatort zurück, sucht der „Verdächtige“ zunächst mal seinen sprachkundigen Mitbewohner, der allerdings erst am späteren Abend von einer Reise zurückgekehrt. Dem kann er nun sein Herz ausschütten und ihm alles in der Muttersprache erklären.

Nach einer schlaflosen, traurigen Nacht gehen die beiden am nächsten Vormittag zum Marktleiter hier in ihrem neuen Wohnort und erklären ihm den Vorfall. Der Mann erweist sich als außerordentlich hilfsbereit und kann feststellen, dass der Einkauf am Vortag, wie angegeben, stattgefunden hat.

Die vom „Verdächtigen“ genannte Einkaufszeit passt und die Kassiererin kann sich sogar noch an den Kauf der einzelnen Zahnbürste erinnern!

 

Das alles erzählen die beiden uns und wollen nun wissen, wie es weiter gehen wird. Vor allem, was die Polizei nun veranlassen wird.

Wir beschließen, zuerst noch einmal gemeinsam den hiesigen Marktleiter aufzusuchen.

Der ist wieder sehr freundlich und bittet uns in sein Büro.

Er bestätigt noch einmal, dass man nachvollziehen konnte, dass die Zahnbürste zur benannten Zeit dort gekauft wurde.

Er telefoniert sogar noch mit der Polizei in der Kreisstadt, um zu erklären, dass die Zahnbürste bei ihm ordnungsgemäß erworben wurde und stellt uns eine neue Quittung aus. Auch mit dem Drogeriemarkt telefoniert er und bestätigt persönlich, dass alle Angaben des jungen Mannes korrekt gewesen sind. Danach bedanken wir uns und verabschieden uns vom Marktleiter.

 

Nach diesem Gespräch fahren wir gemeinsam in die Kreisstadt, um auch dort vor Ort noch einmal alles persönlich zu klären.

Die zuständige Person ist uns und dem Asylbewerber gegenüber deutlich reserviert. Eine Entschuldigung fällt ihr sichtlich schwer und auch der Hinweis auf das aufwändige Verfahren bei der Polizei und die den jungen Mann kränkende Verdächtigung wird mit Achselzucken beantwortet. Man verweist sogar darauf, dass der junge Mann sich ihr gegenüber vermutlich auch frauenfeindlich geäußert hätte. Das kenne man ja von diesen Leuten. Da er kein Deutsch spricht, versteht er das Gespräch ja ohnehin nicht und wie soll er sich da feindlich geäußert haben?

Wir fragen dann noch nach der Zahnbürste, die man ihm dann aushändigen will. Er möchte sie aber am liebsten nicht mehr haben und so nehmen wir sie für ihn in Empfang. Dabei fällt mir noch einmal auf, wie zerknittert die Umverpackung von der Radtour in der engen Hosentasche ist. Die kann meiner Meinung nach auch aus diesem Grund wohl kaum „schnell mal eben“ im Laden eingesteckt worden sein.

Ob denn damit alles „aus der Welt wäre“ und man „die Anzeige bei der Polizei zurücknehmen würde“ fragen wir noch und bekommen gesagt, dass man sich darum bemühen wolle.

Auf der Rückfahrt machen wir den beiden noch einmal deutlich, wie wichtig immer ein Kaufbeleg ist, um nicht in so eine unangenehme Situation zu kommen.

Die beiden sind schon mal sehr erleichtert, bedanken sich sehr für die Unterstützung und verabschieden sich.

 

Aber am nächsten Tag stehen sie aber schon wieder ziemlich aufgelöst vor unserer Tür, denn im Briefkasten haben sie einen Brief von der Rechtsabteilung der Kette gefunden!

In bestem Juristendeutsch steht da:

 

Sehr geehrter Herr XY,

Sie sind

am  x. Mai 2016 in unserer Filiale in XY beim Versuch, Ware zu entwenden, gestellt worden.

Ein strafrechtliches Verfahren gegen Sie wurde eingeleitet.

Bei der Aufnahme Ihrer Personalien in unsere Verkaufsstelle wurden Sie darauf hingewiesen, dass Sie uns die durch Ihr Verhalten veranlasste Ergreifungsprämie in Höhe von 75,00 € zu ersetzen haben.

Diese Prämie wird im Handel üblicherweise erhoben um die Kosten im Zusammenhang mit der Aufdeckung und Weiterverfolgung von Straftaten abzudecken und wird unabhängig vom Warenwert erhoben.

Die Verpflichtung zum Ersatz dieser Kosten ergibt sich aus den §§…

 

Und so weiter und so weiter…

 

Wir bitten sie herein, versuchen uns einen Überblick zu verschaffen und zu beruhigen. Wir sind aber selber etwas aufgeregt, da man solche Schreiben ja überhaupt nicht kennt und die Rechtslage auch nicht einschätzen kann.

Mein Anruf bei der Polizei verbunden mit der Frage, ob man denn von Seiten der Kette informiert worden und die Anzeige vom Tisch sei, wurde mir nicht sehr freundlich beantwortet. „Sie sind nicht der Betroffene und da geben wir keine Auskunft!“. „Datenschutz“. Ende, aus.

Man will eigentlich nur helfen und fühlt sich gleich wie „abgekanzelt“.

 

Also versuchen wir, die Hauptverwaltung der Kette telefonisch zu kontaktieren.

Und wir haben Glück. Beim Telefonat mit der Rechtsabteilung der Kette treffen wir auf eine sehr freundliche Dame. Aus ihrer Abteilung kam der Brief mit der Forderung einer Ergreifungsprämie und sie konnte uns, auch ohne Hinweis auf den „Datenschutz“, verbindlich zusagen, dass der Fall für ihr Haus erledigt sei und der junge Mann sich keine Sorgen machen solle. Und es täte ihr auch leid, dass alles so gelaufen sein. Man wird die Polizei auch entsprechend informieren, falls das zwischenzeitlich nicht schon erfolgt wäre.

Es gibt also überall auch noch wirkliche Menschen, die sich auch in die Befindlichkeiten anderer Menschen hineinversetzen können!

 

Ich habe auch durchaus Verständnis für das Verkaufspersonal in unseren Geschäften. „Es wird wirklich viel geklaut in unseren Zweigstellen“ sagte mir die junge Dame. Aber mitunter ist etwas mehr Augenmaß vielleicht doch angebracht.

Die Polizei konnte wohl auch nicht anders handeln, da sie dazu gerufen wurde und dann setzt sich eben die Maschinerie in Gang.

 

Fazit:

Sprachkenntnisse sind das A und O!

Und: Immer die Kaufbelegen mitnehmen und frühestens erst zuhause wegwerfen.

 

Wir hoffen, dass unsere neuen Nachbarn das zukünftig beherzigen werden.

WIR tun es jedenfalls! J

 

„ein Nachbar“